Wer den mitreißenden Vortrag von Pater Martin Werlen, ehemaliger Abt der Benediktinerabtei Einsiedeln und zur Zeit verantwortlich für die Propstei St. Gerold im Großen Walsertal, am Mittwochabend in der Christkönigskirche Elsenfeld gehört hat, der muss nicht lange überlegen: „Kirche“ war und ist immer „Baustelle“.
Eindrucksvoll entwickelte Pater Martin ein Bild von „Kirche“, das ganz nah am Menschen ist. „Kirche“, das ist nicht das Gebäude, so schön es auch renoviert sein mag, sondern die lebendige Gemeinschaft der Christinnen und Christen vor Ort. Deshalb muss, so Pater Martin, die Kirche vor allem Lebensraum sein, wo man gern zusammenkommt und die Gemeinschaft „feiert“. Das führte in St. Gerold dazu, dass man den Altarraum öffnete, es ging kein Alarmknopf mehr los, wenn man ihn betrat; man entfernte die alten Kirchenbänke und den barocken Altar, scharte sich mit Stühlen um die Mitte, schuf eine kleine Sitzecke – „wie im Wohnzimmer“ meinte eine Besucherin. Ein schöner Gedanke, die Kirche als Wohnzimmer Gottes. Seitdem wird immer wieder am Kirchenraum gearbeitet, verschönert, verändert. Mit einem Augenzwinkern erzählt Pater Martin: „Wir denken manchmal, hoffentlich kommen heute nicht so viele Leute, dass wir sie alle unterkriegen.“
Eindrucksvoll die Bilder, die Pater Martin von der Baustelle und dem Leben in ihr zeigte: die Heiligen wurden von den Sockeln geholt, stehen jetzt im Klosterareal, werden gerne für Selfies genutzt, Heilige im Alltag; die Krippe ist jedes Jahr anders aufgebaut: mal draußen, mal mitten im Baustellenchaos, mal in einem Zelt, mal vor dem Hintergrund zerstörter Häuser im Kriegsgebiet: „Schließlich ist Weihnachten die Baustelle schlechthin: ein unverheiratetes Paar, ein uneheliches Kind, kein Wohnraum, auf der Flucht“, so Pater Werlen. Maria, in Kopie des Gnadenbildes von Einsiedeln, stand mit einem Besen in der Hand mitten im aufgewühlten Kirchenraum: „Maria ist nicht die entrückte Frau, sondern ein Mensch, der mit uns auf dem Boden der Realität steht; da fegt es ganz gewaltig“, so Pater Martin. Auch die Pieta steht nicht erhöht, sondern greifbar für jeden auf gleicher Ebene mit dem Betrachter; Leid gehört zu unserem Leben. Angefangen hat man mit der Renovierung der Propstei vor vielen Jahren mit dem Friedhof; es gibt keine Einzelgräber mehr, sondern für alle ein schlichtes, bepflanztes Gräberfeld. An einer Lehmmauer werden die Namen der Verstorbenen angebracht; im Tod sind alle gleich.
Ausgehend von seinen Erfahrungen in der Großbaustelle St. Gerold ermunterte Pater Martin die Anwesenden dazu, die Baustellen im persönlichen Leben mit einem liebevollen Blick zu betrachten. Denn trotz allem Ärger, Schmutz und Lärm, den Baustellen verursachen, haben sie positive Seiten: Baustellen können nur gemeinsam bewältigt werden, sie fordern Kreativität und Flexibilität heraus, lassen Neues, Besseres entstehen.
Für Pater Martin ist das Bild der Kirche nicht in erster Linie „Leib Christi“ oder „Volk Gottes“ , sondern „Baustelle“. Im Evangelium stehe nichts von Kirchengebäuden oder Kirchtürmen. Die Kirchengebäude, die ersten Basiliken waren eine Erfindung der römischen Kaiser. Seiner Meinung nach pflegen Kirchenobere heute viel zu oft das „Haus voll Glorie“, wo Altes manchmal krampfhaft bewahrt werde. Lebendige Kirche ist Gemeinschaft, synodale Gemeinschaft aller Getauften, in der Laien, Hirten und der Bischof von Rom gemeinsam vorangehen. Da sei auch das Kirchenverständnis von Papst Franziskus. Pater Martin sparte auf der einen Seite nicht mit Kritik an manch starrem Verhalten der Kirchenoberen, entwarf aber auch ein mitreißendes Bild einer lebendigen, kreativen Kirche nah bei den Menschen. So war letztlich am Ende des Vortrags bei vielen Zuhörern eine Bereitschaft zu spüren, auch unsere Pfarrgemeinden vor Ort mit einem liebevollen „Baustellenblick“ zu betrachten und in ihnen mitzuwirken.
Der inspirierende und kurzweilige Vortrag Pater Martins wurde musikalisch umrahmt von unserem Organisten Joachim Schäfer, einem Meister der Improvisation. Er ließ sich spontan auf Martin Werlens Idee ein, die inhaltlichen Abschnitte seines Vortrags durch entsprechende Improvisationen zu untermalen, wodurch die Zuhörer in den Genuss eines spirituell-künstlerischen Vortrags kamen.
An diesem Abend gingen alle ermutigt und beflügelt von der „ Baustelle“ nach Hause.
Wer sich mit dem Thema noch einmal intensiv beschäftigen möchte, hier der Literaturhinweis:
Martin Werlen. Baustellen der Hoffnung. Eine Ermutigung, das Leben anzupacken.
Gabi Scherpf